Zuger News
Feuerwehr Hünenberg mit Jahresrapport und Rückblick
Eine Ansichtskarte ziegt den Tiefladewagen am Bahnhof Zug. Interessantes Detail auf der Ansichtskarte: das Säugetier wird als «Walfisch» bezeichnet. Bild: Sammlung Oskar Rickenbacher
Auf dem Güter-Freiverladeplatz des Bahnhofes Zug machte sich am 8. Mai 1952 ein äusserst intensiver Geruch breit. Er wurden von «Mrs. Haroy», einem Finnwal verbreitet. Oskar Rickenbacher ist ein Zietzeuge und bringt uns das Ereignis von damals näher.
Der Riesenfinnwal «Mrs. Haroy», welcher am 8. Mai 1952 für einen Tag am Güter-Freiverlad am Bahnhof Zug ausgestellt war, stank fürchterlich. Ich erinnere mich noch sehr gut an den Formalingeruch, ich war damals 13 Jahre alt und wohnte in der Nähe des Güterbahnhofes. Die Ausstellung des Wales mit dem «üblen Geruch» – dies der Hinweis in der Fasnachtszeitung «Feuerhorn » vom Horner/ Februar 1953 – schaffte es sogar mit der 1952 aus dem Zugersee gehobenen «Fliegendenden Festung B-17G» auf die Titelseite des «Feuerhorn». Beide Ausstellungen in Zug, der Bomber wie auch der Finnwal, waren 1952 grosse Publikumsmagnete. Es kamen grosse Menschenmassen und «spülten » wie im «Feuerhorn» gezeichnet, viel Geld in die Kassen von Bomber Schaffner und dem Besitzer von Mrs. Haroy, dem Antiquitätenhändler, Leif Söegaard aus Dänemark. Martin Schaffner hat den US Air Force Bomber 1952 nach acht Jahren auf dem Seegrund gehoben und in Zug ausgestellt, was zu einem grossen Publikumsaufmarsch führte. Der Dänische Antiquitätenhändler hatte die Idee zur Schaustellung eines Wals quer durch Europa. In den 50 er Jahren waren es drei Wale, die in Europa unterwegs waren: Mrs.Haroy, Jonas und Goliath, die zwei letzteren waren aber kleiner als Mrs. Haroy.
Der Kapitän des Walfängerschiffes Karl Saebjörnsens von der Norwegischen Walfangstation Steinshamm auf der Insel Haröja erhielt vom Dänen Leif Söegaard den Auftrag, einen Wal für Ausstellzwecke zu fangen. Am 18. September 1951, um 16.30 Uhr, wurde dann auch ein Wal gefangen. Weil es ein weiblicher Wal war, welche am Cap Haroy in Norwegen gefangen wurde, bekam sie den Namen Mrs. Haroy. Der Finnwal wurde nach intensiver Suche erspäht. Von der Harpune getroffen, flüchtete der Wal wütend mit 30 Stundenkilometern seewärts, das 30 Tonnen schwere Walfängerschiff «Torgny» im Schlepptau. Als das Riesentier nach langem Kampf Ermüdungserscheinungen zeigte, zogen die Jäger mittels Dampfspills die 400 Meter lange Leine ein. Das armdicke Seil mit dem Finnwal kam allmählich heran. Im Moment, in dem der Wal beinahe an der Bootswand war, machte das Tier mit Riesenkräften einen so gewaltigen Ruck, dass das acht Zentimeter dicke Seil zerriss und der Wal wieder davonschwamm. Es folgten nun aufregende Minuten: der Wal musste noch vor Einbruch der Nacht wieder in Schussweite kommen. Schliesslich war es soweit, der Harpunenschütze Olaf Saebjörnsen konnte die zweite Harpune abschiessen. Die 80 Kilogramm schwere Harpune drang unter dem Flossenfuss hindurch, direkt in die Lunge und der Wal war sofort bewusstlos.
Als das Riesentier an das Schiff herangeholt war, fuhr der Kapitän sofort Richtung Land. Um drei Uhr in der Frühe war die «Beute» am Kai in Steinshamm und wurde eilig von über 100 Mann auf den «Operationstisch » genommen. Auf Grund von Vorstudien, wurde nun konservierende Flüssigkeit in über 3000 Injektionen in den Körper des Wals eingespritzt, das ganze Tier war damit durchtränkt. Es wurden über 7000 Liter Formalin und andere Chemikalien in den Wal gepumpt, die eine zweijährige Haltbarkeit garantieren sollen. Das Körpergewicht des Wals betrug zirka 55’000 Kilogramm, die Gesamtlänge war 23 Meter, die Schwanzflosse, Fluke genannt, mass von Spitze zu Spitze 4,20 Meter, das Herz wog zirka 500 Kilogramm. Der Schlund hatte eine Länge von 6 Metren und die Zunge wog zirka 1800 Kilogramm. Die Augen bei dieser Walart sind aber nur faustgross. Die Speiseröhre ist klein und gestattet höchstens die Aufnahme von Krill, Schwarmfischen und Krebstieren. Ein Finnwal nimmt täglich zirka 2000 Kilogramm Nahrung zu sich. Er ist das zweitgrösste Tier auf der Erde, ist ein schlanker Bartenwal und erreicht Geschwindigkeiten von bis zu 40 km/h. Ein finnwal kann 50 bis 60 Jahre alt werden und lebt in allen Ozeanen.
Der erlegte Finnwal gehörte zu einem der grössten Exemplare seiner Gattung, die je geschossen wurde. Dank des Dänischen Antiquitätenhändlers konnte er auf grosse Reise geschickt. Zuerst ab der Walfangstation Steinshamm 200 Kilometer per Schiff nach Bergen. Zwei Schwimmkrane hievten den Wal auf einen Tiefladewagen der Bahn. Ab Bergen gings mittels des 1939 gebauten, sechsachsigen Tiefladewagen, Typ SSt, Länge 28 Mete, der ehemaligen DR Deutschen Reichsbahn von Ausstellung zu Ausstellung. Zuerst wurde der Wal an weiteren Orten in Norwegen, dann Schweden, Dänemark und Deutschland ausgestellt. Ab Mitte März 1952 kam Mrs. Haroy ebenfalls per DR Tiefladewagen in die Schweiz. Für 10 Tage war der Wal in Zürich ausgestellt, dann in Winterthur, St. Gallen, Luzern, Solothurn, Biel und vielen weiteren Schweizer Orten. Am 8. Mai kam der Wal für einen Tag nach Zug. Die Zuger Nachrichten und das Zuger Volksblatt brachten am Vortag ein Beschrieb und Inserate zur Ausstellung. Mrs. Haroy wurde auf dem Güter-Freiverladeplatz des Bahnhofes Zug, neben dem heutigen Oekihof, ausgestellt. Der Besucheraufmarsch war sehr gross. Nach der Schweiz fanden noch Ausstellungen in Holland, Belgien und dann in Übersee, New York und Coney Island (USA) statt. Am 13. Juli 1954 brannte aus unbekannten Gründen der Walkadaver, die Überreste wurden auf Staaten Island begraben.
Text: Oskar Rickenbacher
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