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Für den Schutz potenzieller Opfer sollen Menschen mit pädosexueller Neigung erreicht werden, bevor es zu einem Übergriff kommt.
Der Kanton Zug verstärkt gemeinsam mit fünf weiteren Zentralschweizer Kantonen die Prävention gegen sexueller Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Eine neue Kampagne soll sensibilisieren – und Betroffene frühzeitig zu Hilfe ermutigen.
Hinschauen, bevor etwas passiert: Mit diesem Anliegen verstärkt der Kanton Zug sein Engagement gegen sexuelle Gewalt an Kindern und Jugendlichen. Gemeinsam mit den Kantonen Schwyz, Uri, Obwalden, Nidwalden und Glarus beteiligt sich Zug am überkantonalen Präventionsprojekt der Fachstelle Beforemore.
Eine Kampagne macht derzeit auf das Thema aufmerksam. Zum eine soll die Bevölkerung sensibilisieren und dazu ermutigen, hinzuschauen und bei Unsicherheit oder Verdacht Rat zu suchen. Gleichzeitig richtet sich die Kampagne an Menschen, die sich sexuell zu Minderjährigen hingezogen fühlen.
Jeanine Stadelmann, ist Sexualpädagogin bei der Frauenzentrale in Zug und Mitarbeiterin für Beratung und Kommunikation bei Beforemore. Sie schätz für uns die Lage ein und gibt Auskunft über Sensibilisierung, Netzwerkaktivitäten und Beratung.
Was soll die neue Kampagne bei der Bevölkerung auslösen – und woran erkennen Sie, ob sie tatsächlich dazu führt, dass Menschen genauer hinschauen und handeln?
Mit unserer Kampagne wollen wir Menschen auf Hilfsangebote aufmerksam machen. Wir möchten, dass Menschen mit pädosexuellen Präferenzen wissen, dass sie bei uns kostenlos und anonym Unterstützung bekommen, aber auch Angehörige einer solchen Person, das soziale Umfeld und Fachpersonen sich bei uns melden dürfen. Wir müssen erreichen, dass Täterprävention besser etabliert ist und sich Menschen bei uns oder anderen Fachstellen melden, bevor etwas passiert. Und da sehen wir eine positive Entwicklung. Unsere Beratungszahlen haben sich seit 2024 verdreifacht, seit wir in Bern und Solothurn Sensibilisierungsarbeit leisten. Dies passiert optimalerweise nun ebenfalls in Zug und in der Zentralschweiz.
Die Kampagne richtet sich auch an Menschen mit einer sexuellen Neigung zu Minderjährigen. Wie schwierig ist es, diese Zielgruppe mit einer öffentlichen Kampagne zu erreichen?
Wir sprechen sogar in erster Linie Menschen an, welche eine pädosexuelle Neigung haben. Die Botschaft ist: «Hast du pädosexuelle Fantasien? Rede mit uns darüber – kostenlos und anonym». Generell sind Pädophilie und sexueller Kindsmissbrauch Themen, die abschrecken, nicht nur Menschen mit einer solchen Neigung. Diese Thematiken sind extrem schambehaftet und tabuisiert. Wir wollen mit unserer Kampagne signalisieren, dass es Hilfe gibt und man diese Gespräche führen kann, auch wenn sie schwierig und unangenehm sein können. In der Regel bemerken Menschen eine solche Präferenz im jungen Erwachsenenalter. Wenn dies passiert, ist das oft mit wahnsinnig viel Scham, Angst und teils auch Selbsthass verbunden. Sich in solchen Momenten zu öffnen und Unterstützung zu holen, ist ein sehr grosser Schritt. Wir wollen diesen Schritt so einfach wie nur möglich machen.
Wie wollen Sie die Kampagne sichtbar machen und sicherstellen, dass sie auch diese Menschen erreicht, die sich sexuell zu Minderjährigen hingezogen fühlen?
Teil der laufenden Kampagne sind Videoanzeigen im öffentlichen Raum, in öffentlichen Verkehrsmitteln, an Tankstellen, aber auch auf Youtube. Für uns ist es jedoch zentral, nicht nur Menschen mit einer pädosexuellen Präferenz zu erreichen, sondern auch die Allgemeinheit zu sensibilisieren, denn Tabuisierung und Stigmatisierung verhindern einen offenen, differenzierten Umgang mit dem Thema und können Menschen davon abhalten, sich frühzeitig Hilfe zu holen. Aufklärung leistet einen wichtigen Beitrag zur Prävention und zum Schutz von Kindern.
Welche konkreten Hilfsangebote stehen einer Person zur Verfügung, die bei sich eine solche Neigung feststellt und verhindern möchte, dass daraus eine Tat entsteht?
Unser Angebot ist bewusst niederschwellig gestaltet, damit Menschen möglichst einfach und ohne grosse Hürden Unterstützung in Anspruch nehmen können. Wir bieten zweimal die Woche eine Hotline an, über die Menschen direkt mit mir oder einer anderen Beraterin sprechen können. Man kann sich aber auch über den Chat auf unserer Webseite oder per Mail bei uns melden und wir bieten Beratungen vor Ort an. Alle unsere Beratungen sind kostenlos, anonym und vertraulich. Ratsuchende müssen weder ihren Namen noch ihre Adresse angeben und können sich beispielsweise auch mit unterdrückter Telefonnummer bei uns melden. Wir begegnen den Menschen offen und schaffen einen geschützten Rahmen, in dem sie über ihre Gedanken, Fragen und Sorgen sprechen können. Es gibt aber auch andere Hilfsangebote, wie Therapiestellen oder andere Beratungs- und Fachstellen und wir können bei einer möglichen Vermittlung helfen.
Der Kanton Zug beteiligt sich neu am Präventionsprojekt von Beforemore. Was erwarten Sie konkret von dieser Zusammenarbeit – und was kann Zug von der Fachstelle profitieren?
Die Täterprävention steht noch am Anfang. Zum Beispiel: Dieses Jahr haben sich bereits 36 Personen bei uns für eine Beratung gemeldet und angegeben, dass sie im Kanton Bern wohnhaft sind – aus dem Kanton Zug nur eine einzige. Die Sensibilisierungskampagne ist ein wichtiger erster Schritt, um unser Angebot bekannter zu machen und mehr Menschen frühzeitig zu erreichen. Wirksamer Kinderschutz braucht Prävention auf verschiedenen Ebenen: Angebote wie «Mein Körper gehört mir» stärken Kinder, während unsere Beratung Menschen unterstützt, Risiken frühzeitig zu erkennen und sexualisierte Gewalt zu verhindern. In Zug sind die Voraussetzungen dafür gut: Das Kantonsparlament hat einen Vorstoss für mehr Prävention gutgeheissen und die Regierung hat das Anliegen in die anstehende Revision des Polizeigesetzes aufgenommen. Damit diese Bestrebungen Wirkung entfalten, braucht es jedoch auch die nötigen Ressourcen. Unser Beratungsteam verfügt für die gesamte Deutschschweiz über lediglich 75 Stellenprozente. Um mehr Menschen zu erreichen und unsere Präventionsarbeit nachhaltig auszubauen, sind wir auf eine verlässliche Finanzierung angewiesen. Denn wirksamer Kinderschutz beginnt damit, frühzeitig hinzuschauen, Unterstützung zu ermöglichen und gemeinsam Verantwortung zu übernehmen.
Welche Erfahrungen machen Sie bisher mit Anfragen aus dem Kanton Zug?
Aktuell melden sich viele Menschen erst dann bei uns, wenn sie bereits Missbrauchsbilder – sogenannte Kinderpornografie – konsumiert haben. Die Zuger Kantonspolizei gibt Beschuldigten in solchen Fällen unseren Flyer ab. Meist melden sie sich sehr verunsichert und mit vielen Schamgefühlen. Im Gespräch versuchen wir herauszufinden, wie es dazu kam, setzen aber auch klare Grenzen, zum Beispiel wenn eine Person ihr Verhalten verharmlost. Manchmal gibt es Anzeichen für eine Pädophilie, manchmal für andere Probleme in der Sexualität, Anzeichen für Pornografiesucht und weitere Belastung. Die Beratung bietet hier Orientierung, wir planen gemeinsam nächste Schritte. Diese Auseinandersetzung mit vergangenem Verhalten ist wichtig. Aber: Unser grösseres Ziel ist es, Menschen Beratung anzubieten, bevor etwas passiert, und da machen wir nun hoffentlich mit dieser Kampagne einen ersten Schritt.
Beforemore – Fachstelle für Prävention und Beratung bei Pädophilie und sexuellem Kindesmissbrauch – bietet kostenlos und anonym Beratung an, sei es per Chat, E-Mail, über die Telefonhotline oder in persönlichen Gesprächen vor Ort. Auf ihrer Website stellt Beforemore zudem Informationen für Menschen mit sexueller Präferenz für Kinder und Jugendliche zur Verfügung und verweist auf spezialisierte Therapiestellen.
Uwe Guntern
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