Zu guter Letzt
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Illustrer Kreis: Krueger (zeiter von rechts) steigt in die Ruhmeshalle des Welteishockeys auf. Foto: zvg
Der EV Zug gehört für Ralph Krueger (67) auch in der neuen Saison zur Spitzengruppe der National League. Eine zentrale Figur ist für den früheren Schweizer Nationaltrainer Leo Genoni. Krueger erwartet eine erneut extrem ausgeglichene Meisterschaft.
Davos im Spätsommer. Ralph Krueger ist nach einem längeren Kanada-Aufenthalt wieder in seiner Wahlheimat angekommen. Der Start der neuen Eishockeysaison rückt näher. Krueger hat das Schweizer Klubeishockey über viele Jahre aus nächster Nähe erlebt. Heute betrachtet er die National League mit etwas mehr Distanz. Und gerade deshalb fällt sein Urteil über Zug bemerkenswert klar aus: Der EVZ gehört für ihn eindeutig in die Spitzengruppe. Einen Namen hebt er dabei besonders hervor: Leo Genoni. «Wenn du einen Leo Genoni in der Mannschaft hast, dann spielst du immer oben mit», sagt Krueger. Für ihn ist der Torhüter weit mehr als ein Rückhalt zwischen den Pfosten. Genoni sei eine grosse Persönlichkeit – und gleichzeitig ein wichtiger Baustein für die Zukunft der Schweizer Nationalmannschaft.
Ralph Krueger, beim EV Zug beginnt vieles bei Leo Genoni. Wie wichtig ist ein solcher Torhüter für die Titelchancen – und für das Schweizer Eishockey insgesamt?
Zug ist sicherlich von der Basis her stark. Und da nimmt Leo eine zentrale Rolle ein. Ich finde es toll, dass er noch einige Jahre spielen will. Er ist eine grosse Persönlichkeit und ein Vorbild in jeder Beziehung. Grundsätzlich gilt: Jeder Schweizer Torhüter, den wir auf einem guten Niveau halten können und der Schweiz treu bleibt, ist auch für die Nationalmannschaft wichtig. Es wäre ein Horror für die Nationalmannschaft, wenn irgendwann in der National League nur noch ausländische Torhüter spielen würden. Aber zurück zu Leo Genoni. Er ist ein echter Leader. Und wenn du einen wie ihn in der Mannschaft hast, dann spielst du immer vorne mit.
Wo sehen Sie den EV Zug im Rennen um den Titel?
Wenn wir die Liga in ein oberes Drittel, in ein mittleres sowie ein unteres Drittel einteilen, gehört Zug definitiv zum oberen Bereich – vom Potenzial und den personellen und wirtschaftlichen Voraussetzungen her. Aber es gilt, dieses Potenzial auszuschöpfen. Und genau das macht die Liga spannend. Die Frage ist jedes Jahr: Wer schafft es, sich von der breiten Basis abzuheben.
Was macht die National League so schwierig einzuschätzen?
Du kannst zehn Leute nehmen und nach ihrer Meinung fragen – und du bekommst wahrscheinlich sehr unterschiedliche Einschätzungen. Bei der Trennung zwischen Top 6 und dem Rest einigt man sich vielleicht noch relativ schnell. Aber wer ganz oben steht, ist schwer vorauszusagen. Wir haben wohl die ausgeglichenste Liga Europas. Wir reden über Prozentpunkte, die darüber entscheiden können, ob du im Playoff bist oder gegen den Abstieg kämpfst.
Welche Faktoren entscheiden?
Es sind die Kleinigkeiten. Das Coaching, die Ausländer, die Gesundheit der Mannschaft. Dazu kommt das Momentum. So viele Faktoren entscheiden darüber, wo du am Ende landest. Und gerade die Spitzenmannschaften verändern sich jedes Jahr. Nehmen wir Fribourg oder Davos. Beide haben auf dem Papier sehr starke Teams. Aber sie haben auch Spieler verloren. Es ist immer die Frage, wie die neue Konstellation funktioniert und welche Dynamik in der Kabine entsteht.
Fribourg-Gottéron hat erstmals den Titel gewonnen. Was trauen Sie dem neuen Schweizer Meister zu?
Ich bin überzeugt, dass Fribourg wieder eine positive Rolle spielen wird. Das Team ist auf dem Papier sehr stark, wird gut geführt und weiss nun, wie man einen Titel gewinnt. Aber den Gewinn der Meisterschaft zu wiederholen, ist immer schwierig. Die Liga ist so ausgeglichen, dass kleine Veränderungen grosse Auswirkungen haben können.
Und wer gehört sonst noch zum Favoritenkreis?
Zürich, Davos – und wie gesagt Zug – diese Mannschaften sind auf dem Papier sehr stark. Sie werden sicherlich in der oberen Gruppe sein. Aber ich würde mich hüten, daraus schon eine genaue Rangliste zu machen.
Warum bleiben grosse Klubs manchmal jahrelang hinter ihren Möglichkeiten?
Das sind immer sehr viele Faktoren. Man kann das nicht verallgemeinern. In jedem Verein beginnt es beim Management und geht über den Trainer in die Mannschaft. Und von unten kommt der Nachwuchs. Was für junge Spieler hast du? Welche Tiefe? Wie funktioniert die Organisation? Eigentlich müsste man eine Woche hinter die Kulissen schauen können, um einen Klub wirklich zu analysieren. Diesen Einblick bekommt man aber selten.
Ein grosses Thema ist der Nachwuchs…
...weil dort die Entwicklung beginnt. Ich habe es immer gesagt und sage es wieder: Niemand im Schweizer Eishockey darf den Blick auf den Nachwuchs verlieren. In den 1990er Jahren konnte die Schweiz dort sehr viel verbessern. Wir haben begonnen, viel mehr gegen die grossen Nationen im Juniorenbereich zu spielen. Dadurch hatten die Spieler eine andere Einstellung. Wenn du als Junior immer wieder gegen die Besten spielst, hast du später nicht diese riesige Ehrfurcht vor ihnen.
Was hat sich seither am stärksten verändert?
Als ich Ende der 1990er Jahre kam, waren wir im Aufbruch. Wir wollten eine kompetitive, grössere Nation werden, waren aber noch nicht dort. Es dauerte bis zur WM 2003 in Finnland, bis wir den Durchbruch nachhaltig geschafft hatten und sagen konnten: Wir gehören solide zu den Top acht. Heute ist die Erwartungshaltung eine ganz andere. Die Schweiz gehört nicht nur zur oberen Hälfte. Sie kann bei jedem Turnier Weltmeister werden.
Der EV Zug hat ebenfalls eine starke Nachwuchsorganisation. Wie wichtig ist diese Basis?
Der Schlüssel ist in jeder Sportart derselbe: Wer bekommt die besten Athleten im Alter von sechs, sieben oder acht Jahren? Gehen sie zum Fussball? Zum Eishockey? Zum Skifahren? Das ist regional unterschiedlich. In Davos konkurriert das Eishockey beispielsweise viel stärker mit dem Skifahren als in Lugano. Und in Zug hat man mit dem OYM ein ganz starkes Argument. Grundsätzlich müssen wir über Schulen und Eltern Programme schaffen, die respektiert werden. Eltern müssen sagen: Ja, das will ich für mein Kind. Und natürlich geht es längst nicht mehr nur um Jungen. Das Frauen-Eishockey entwickelt sich enorm. Auch das ist ein grosser Unterschied zu den 90er Jahren.
Ein Problem des Schweizer Eishockeys sehen viele bei der Swiss League.
Der Druck von unten ist in jeder Liga wichtig. Ich durfte dies im englischen Fussball erleben. Die starke Championship ist ein Grund, weshalb die Premier League so erfolgreich ist. Ich bin ein riesiger Fan von Auf- und Abstieg. Das gehört für mich zur romantischen Seite des europäischen Sports. Aber natürlich muss die zweite Liga stark sein. Wenn dort das Fundament fehlt, kann man nicht einfach die Durchlässigkeit erhöhen.
Sie haben die WM 2026 in Zürich und Fribourg nochmals aus einer besonderen Perspektive erlebt.
Als ich vor einigen Wochen aus Kanada in die Schweiz zurückgereist bin, war ich an einem Abend in Zürich – und plötzlich kamen all diese Erinnerungen an die WM im Mai wieder hoch – auch wie nahe ich bei den Fans war. Ich bin vorher noch nie mit dem Tram gefahren. Während der WM bin ich vielleicht 50-mal mit dem öV zum Spiel gefahren – und hatte dort wunderbare Erlebnisse und Begegnungen Was wir 17 Tage lang erleben durften, war absolute Weltklasse. Nicht nur, weil wir wieder im Final waren und Silber gewonnen haben. Das Eishockeyfest war schier unglaublich. Und dieser Eindruck zieht sich durch alle Regionen der Schweiz. Das war nicht nur für Zürich und Fribourg ein Gewinn. Es war ein Gewinn für die gesamte Schweizer Eishockeyszene.
Während dieser WM haben Sie auch Ihre Parkinson-Erkrankung öffentlich gemacht. Wie haben Sie die Reaktionen erlebt?
Sehr warm. Mehrmals am Tag kam jemand auf mich zu. Leute erzählten mir, dass ihr Vater oder Grossvater Parkinson hatte oder sie selbst betroffen waren. Ich fand das überhaupt nicht unangenehm. Ich bin nicht Parkinson. Es ist ein Teil von mir. Wie wenn jemand einen Knochen gebrochen hat – dann spricht man darüber. Und wichtig ist: Ich habe keine lebensbegrenzende Diagnose. Also sag ich mir: Mach weiter und mach das Beste aus deinem Leben.
Hat Ihnen Ihre Sportmentalität dabei geholfen?
Hundertprozentig. Ich rede seit Ewigkeiten über den Mindset, den wir in schwierigen Situationen brauchen. Und dann stehst du vor einer Aufgabe, die natürlich ganz anders ist als eine Niederlage im Sport. Deine Worte tragen plötzlich mehr Bedeutung und Gewicht. Du hast eine Verantwortung, auch anderen ein Vorbild zu sein. Was ich sagen kann: Ich bin nie in ein Loch gefallen. Ich habe immer gesagt: Was kann ich aus diesem Tag machen? Was sind meine Möglichkeiten? Und ich darf festhalten: Bis jetzt geht es gut.
Themawechsel. Was erwarten Sie von Marc Lüthi als Verbandspräsident?
Marc hält alle Trümpfe in den Händen, um das Schweizer Eishockey auf das nächste Level zu führen. Das Wichtigste wird zunächst sein, Harmonie zwischen den verschiedenen Ebenen herzustellen. Ich habe immer wieder erlebt, dass verschiedene Kräfte in unterschiedliche Richtungen gezogen haben. Marc kennt alle diese Kräfte. Ich bin überzeugt, dass er einen gemeinsamen Plan schaffen kann. Es muss nicht sein, dass sich alle permanent umarmen und zusammen in die Ferien reisen. Aber alle müssen am Plan beteiligt sein. Denn die nächste Stufe wird uns nicht geschenkt. Wir müssen sie verdienen – zuerst, um unsere Position zu halten, und dann, um weiter zu wachsen.
Wann wird die Schweiz endlich Weltmeister? Fünf Silbermedaillen sind doch genug.
«Genug» ist das falsche Wort. Man sollte eine Silbermedaille immer nehmen. Fünfmal Silber ist eine Bestätigung dafür, welch grossartige Entwicklung das Schweizer Eishockey in den vergangenen 25 Jahren durchlaufen hat – und dass der Titel immer möglich ist.
Weshalb nicht gleich 2027 in Deutschland?
Natürlich hängt viel davon ab, wie viele NHL-Spieler kommen. Wenn wir wieder eine grosse Zahl Nordamerika-Profis im Team haben, können wir bis zum Ende dabei sein. Fünf Silbermedaillen sagen vor allem eines: Niemand wäre mehr überrascht, wenn die Schweiz beim nächsten Turnier Weltmeister wird.
Thomas Renggli
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