Zu guter Letzt
Zwei junge Zuger erhalten den «Zuger Preis für Zivilcourage»
Sie sahen hin und handelten: Lars Camenzind (links) und Lennon Lambertucci.
Als an der Baarerstrasse in Zug eine Schlägerei eskaliert, fahren Lars Camenzind und Lennon Lambertucci nicht einfach weiter. Die beiden jungen Männer halten an, greifen ein, alarmieren die Polizei und helfen später bei der Fahndung. Dafür erhalten sie den «Zuger Preis für Zivilcourage» 2026.
Kurz vor 22 Uhr ist es am 9. März 2026 ein gewöhnlicher Abend für Lars Camenzind und Lennon Lambertucci. Die beiden sind mit ihren Motorrädern in der Stadt Zug unterwegs. Dann sehen sie an der Baarerstrasse eine Situation, die ihre Aufmerksamkeit sofort auf sich zieht: Mehrere Personen sind in eine tätliche Auseinandersetzung verwickelt.
Es sind acht Menschen, die sich in zwei Gruppen gegenüberstehen. Die Situation ist unübersichtlich. Doch eines erkennen die beiden Motorradfahrer deutlich: Eine Person wird massiv angegriffen. Camenzind und Lambertucci könnten weiterfahren. Schliesslich wissen sie nicht, wer die Beteiligten sind und wie sich die Situation entwickeln wird.
«Für uns war in diesem Moment einfach klar, dass wir helfen müssen», erzählen die beiden einige Monate später. Sie hätten nicht einfach so tun wollen, als hätten sie nichts gesehen. Damit beginnt ein Eingreifen, das ihnen nun den «Zuger Preis für Zivilcourage» einbringt.
Die beiden gehen nicht kopflos in die Auseinandersetzung. Ihr erster Versuch besteht darin, die Beteiligten verbal voneinander zu trennen und die Schlägerei zu beenden. Sie sprechen die Personen an und versuchen, die Situation zu beruhigen. Doch ihre Worte zeigen zunächst keine Wirkung.
Als die Auseinandersetzung weitergeht, entscheiden sich Camenzind und Lambertucci zu einem gezielten Eingreifen. Mit einem mitgeführten Pfefferspray gehen sie gegen einen Angreifer vor. Gleichzeitig verständigen sie die Zuger Polizei.
Damit ist die Sache für die beiden jedoch noch nicht erledigt. Sie bleiben vor Ort und können der Polizei wichtige Informationen über den Flüchtenden und den Ablauf des Geschehens geben. Diese Hinweise helfen den Einsatzkräften bei der Suche nach dem Mann. Nicht lange danach wird der Flüchtende von einer Polizeipatrouille in einem Parkhaus entdeckt und festgenommen.
Aus einem zufälligen Beobachten wird so ein Eingreifen mit konkreten Folgen: Eine angegriffene Person erhält Unterstützung, die Polizei wird alarmiert und ein Verdächtiger kann kurze Zeit später gefasst werden.
Für die Zuger Sicherheitsdirektion ist genau dieses Verhalten beispielhaft für Zivilcourage. Es geht nicht darum, sich blind in Gefahr zu bringen. Entscheidend ist vielmehr, eine kritische Situation wahrzunehmen, Verantwortung zu übernehmen und dabei möglichst überlegt zu handeln.
Genau das hätten Camenzind und Lambertucci getan, betonte Regierungsrätin Laura Dittli an der Preisverleihung. Die beiden hätten nicht weggeschaut, sondern hingesehen und gehandelt. Gleichzeitig hätten sie Mut und Besonnenheit bewiesen. «Zivilcourage zeigt sich dann, wenn es darauf ankommt», sagte Dittli. Das Verhalten der beiden jungen Männer verdiene Respekt und Anerkennung.
Die Auszeichnung wurde am 16. August in Cham verliehen. Die Sicherheitsdirektion des Kantons Zug führte die Preisverleihung gemeinsam mit der Patronatsgemeinde Cham durch. Camenzind und Lambertucci erhalten für ihren Einsatz den «Zuger Preis für Zivilcourage» 2026.
Dass die beiden selbst ihre Entscheidung nicht als etwas Aussergewöhnliches darstellen, macht ihre Geschichte umso bemerkenswerter. Für sie war offenbar nicht die Frage entscheidend, ob sie etwas tun sollten, sondern vielmehr, was sie in diesem Moment tun konnten.
Gerade darin liegt die Besonderheit des Falles. Zivilcourage muss nicht spektakulär beginnen. Manchmal besteht sie zunächst nur aus einer Entscheidung: weiterfahren oder anhalten, wegsehen oder hinschauen. Camenzind und Lambertucci entschieden sich für Letzteres.
Dabei zeigt ihr Verhalten auch, dass couragiertes Eingreifen nicht zwangsläufig bedeutet, sich unkontrolliert in eine gefährliche Situation zu stürzen. Die beiden versuchten zunächst, die Auseinandersetzung mit Worten zu beenden. Erst als dies nicht funktionierte, griffen sie gezielt ein und holten professionelle Hilfe.
Für die Polizei erwiesen sich zudem die Informationen der beiden als wertvoll. Denn nach der Flucht des Angreifers war die Beobachtung durch die beiden Männer plötzlich von Bedeutung für die Fahndung. Was sie gesehen hatten, konnten sie an die Einsatzkräfte weitergeben.
Damit erfüllten sie gleich mehrere Aspekte dessen, was der Kanton Zug unter Zivilcourage versteht: Sie standen für einen Mitmenschen ein, unterstützten ihn in einer bedrohlichen Situation und halfen den Behörden bei der Aufklärung beziehungsweise bei der Fahndung.
Die Auszeichnung von Lars Camenzind und Lennon Lambertucci ist damit mehr als eine Würdigung eines einzelnen Abends. Sie soll auch daran erinnern, dass Sicherheit nicht allein Aufgabe von Polizei und Behörden ist.
Wo Menschen zusammenleben, entstehen Situationen, in denen Zivilcourage gefragt sein kann. Entscheidend ist dann, wie jemand reagiert. Das Beispiel der beiden Zuger zeigt, dass schon das bewusste Hinsehen einen Unterschied machen kann.
Am 9. März hätten Camenzind und Lambertucci die Auseinandersetzung ebenso gut aus sicherer Entfernung beobachten und anschliessend weiterfahren können. Stattdessen hielten sie an. Sie versuchten zunächst, die Situation verbal zu entschärfen, griffen anschliessend gezielt ein und verständigten die Polizei.
Ihr Eingreifen endete nicht dort, wo der Angreifer davonlief. Sie blieben ansprechbar, schilderten der Polizei ihre Beobachtungen und lieferten damit wichtige Hinweise. Wenig später wurde der Mann festgenommen.
Für die beiden jungen Männer war es eine spontane Entscheidung in einem kritischen Moment. Für den Kanton Zug ist es ein Beispiel dafür, wie Zivilcourage aussehen kann: aufmerksam, mutig und zugleich besonnen.
Der «Zuger Preis für Zivilcourage» 2026 macht aus diesem kurzen Moment an der Baarerstrasse eine Geschichte, die über den konkreten Vorfall hinausweist. Denn manchmal braucht es nicht viel, um einen Unterschied zu machen. Manchmal reicht es, nicht weiterzufahren.
Der «Zuger Preis für Zivilcourage» wird vom Kanton Zug an Menschen verliehen, die sich durch beherztes und zugleich überlegtes Handeln auszeichnen. Geehrt werden Personen, die für andere einstehen, Straftaten verhindern oder in kritischen und bedrohlichen Situationen Unterstützung leisten.
Die Auszeichnung gibt es seit 2010. Damals wurde sie im Rahmen des Projekts «Gemeinsam gegen Gewalt» erstmals verliehen. Seither werden jedes Jahr Menschen ausgezeichnet, die in einer schwierigen Situation Verantwortung übernommen haben. Die Auswahl erfolgt aufgrund von Meldungen aus der Bevölkerung und von der Zuger Polizei. Eine dreiköpfige Jury entscheidet über die Preisträgerinnen und Preisträger.
Auch das Patronat wechselt jährlich. Eine andere Zuger Gemeinde übernimmt jeweils die Gastgeberrolle bei der Preisverleihung. In diesem Jahr ist es Cham.
Zum Preis gehört zudem eine finanzielle Anerkennung von 1000 Franken. Der Kanton Zug und die jeweilige Patronatsgemeinde teilen sich das Preisgeld zur Hälfte.
Uwe Guntern
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