Jugend forscht
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2024 wurden in der Schweiz 11‘849 Personen Opfer häuslicher Gewalt; so viele wie noch nie, wie Zahlen des Bundesamt für Statistik zeigen. Häusliche Gewalt beginnt meist lange vor dem Polizeieinsatz. Sie wächst schleichend.
Häusliche Gewalt geschieht meist im Verborgenen. Oft ist es ein schleichender Prozess, der geprägt ist von Kontrolle, Drohungen und psychischem Druck, der sich über Jahre hinweg zuspitzen kann. Mit der Einführung der nationale Opferhilfe-Nummer 142 und einer Fachveranstaltung in Zug rückt das Thema ins öffentliche Bewusstsein.
Häusliche Gewalt beginnt selten mit sichtbaren Verletzungen und lange vor dem Polizeieinsatz. Sie kann sich über Jahre hinweg zuspitzen. Umso wichtiger ist es, früh hinzuschauen und zu handeln. Genau hier setzt eine Veranstaltung in Zug an, die Betroffene, Fachpersonen und die breite Öffentlichkeit gleichermassen anspricht. Am Dienstag, 19. Mai, lädt die CityKircheZug, um 17.30 Uhr, zu einem Themenabend in die reformierte Kirche Zug ein. Unter dem Titel «Häusliche Gewalt – Alltag einer Forensic Nurse» geben zwei Fachfrauen Einblick in ein Arbeitsfeld, das oft im Hintergrund bleibt, aber eine zentrale Rolle bei der Aufarbeitung von Gewalt spielt.
Zwei Fachfrauen geben Einblick in die Berufswelt einer forensischen Pflegefachfrau: Andrea Goebel, Forensic Nurse am Universitätsspital Zürich (USZ) und Carmen Vonmont, Dipl. Notfallexpertin NDS HF, mit einer Funktion als Thementrägerin Ethik am Institut für Notfallmedizin am USZ. Sie zeigen auf, wie medizinische und rechtliche Aspekte ineinandergreifen und weshalb eine sorgfältige Dokumentation für spätere Verfahren entscheidend sein kann. Dabei wird auch deutlich, wie wichtig eine standardisierte und fachlich fundierte Vorgehensweise ist, um Betroffenen eine verlässliche Grundlage für mögliche rechtliche Schritte zu bieten. Die Veranstaltung findet in einem gesellschaftlich relevanten Kontext statt. Denn am 1. Mai nahem in der Schweiz erstmals eine nationale Rufnummer für Opfer häuslicher Gewalt den Betrieb auf. Unter der Nummer 142 erhalten Betroffene rund um die Uhr Unterstützung – ein wichtiger Schritt, um Hilfe niederschwelliger zugänglich zu machen. Denn Gewalt hält sich nicht an Öffnungszeiten. Fachstellen erhoffen sich dadurch auch eine frühere Kontaktaufnahme, bevor sich Situationen weiter zuspitzen. Zudem kann die Hotline als erste Anlaufstelle dienen, um Betroffene gezielt an regionale Beratungsstellen, Schutzunterkünfte oder rechtliche Beratungen weiterzuvermitteln.
Statistiken zeigen, dass häusliche Gewalt in der Mehrzahl der Fälle Frauen betrifft, während die Täter überwiegend Männer sind. Doch hinter diesen Zahlen stehen individuelle Schicksale, die oft lange unsichtbar bleiben. Viele Betroffene zögern, Hilfe in Anspruch zu nehmen – aus Angst, Scham oder wirtschaftlicher Abhängigkeit. Auch das soziale Umfeld spielt hierbei eine wichtige Rolle: Freundinnen, Nachbarn oder Arbeitskollegen können entscheidende Impulse geben, indem sie aufmerksam sind und Unterstützung anbieten. Oft sind es kleine Signale, die ernst genommen werden sollten. Ein weiterer Aspekt, der zunehmend in den Fokus rückt, ist die Rolle von Kindern in von Gewalt betroffenen Haushalten. Sie sind häufig indirekt betroffen, erleben Konflikte mit und tragen nicht selten langfristige psychische Folgen davon. Fachpersonen betonen, dass Kinderschutz und Opferschutz eng miteinander verknüpft sind und frühzeitige Interventionen entscheidend sein können, um generationenübergreifende Gewaltmuster zu durchbrechen. Auch politisch ist das Thema präsent. Anfang März hat der Regierungsrat des Kantons Zug eine Interpellation mehrerer Kantonsrätinnen zur Kenntnis genommen, die sich mit dem Einsatz von elektronischem Monitoring zur Verhinderung von Femiziden befasst. Damit wurde die Problematik auf kantonaler Ebene offiziell anerkannt. Eine konkrete Umsetzung solcher Massnahmen dürfte jedoch noch Zeit in Anspruch nehmen.
Vor diesem Hintergrund gewinnt die Arbeit von Fachpersonen wie Forensic Nurses zusätzlich an Bedeutung. Sie stehen oft an einer Schnittstelle zwischen Medizin, Recht und Opferschutz. Ihre Aufgabe ist es nicht nur, Verletzungen zu behandeln, sondern auch Beweise zu sichern – ein entscheidender Faktor, wenn Betroffene rechtliche Schritte einleiten. Gleichzeitig sind sie häufig erste Ansprechpartnerinnen für Opfer und tragen dazu bei, Vertrauen aufzubauen und weitere Hilfeschritte einzuleiten. Ihre Arbeit erfordert neben fachlicher Expertise auch ein hohes Mass an Empathie und Sensibilität im Umgang mit belastenden Situationen. Nicht zuletzt tragen sie dazu bei, dass Gewalt nicht relativiert oder bagatellisiert wird, sondern als das erkannt wird, was sie ist: eine schwerwiegende Verletzung persönlicher Integrität.
Die Veranstaltung der CityKircheZug will diese komplexen Zusammenhänge verständlich machen und gleichzeitig Raum für Austausch bieten. Neben den Fachreferaten erwartet die Besucherinnen und Besucher auch ein kultureller Beitrag: Für die musikalische Umrahmung sorgt die Harfenistin Violeta Ramos. Im Anschluss an den Anlass sind alle zu einem Apéro eingeladen, der Gelegenheit bietet, das Gehörte zu vertiefen und miteinander ins Gespräch zu kommen. Solche Begegnungen können Hemmschwellen abbauen und dazu beitragen, das Thema aus der Tabuzone zu holen. Der Eintritt ist frei, es wird eine Kollekte erhoben. Damit soll möglichst vielen Interessierten der Zugang zu diesem wichtigen Thema ermöglicht werden. Denn eines steht im Zentrum des Abends: die Botschaft, dass die Würde des Menschen unantastbar ist – und dass es sich lohnt, hinzusehen und zu handeln, bevor Gewalt eskaliert. Nur durch gemeinsames Hinschauen, Aufklären und Unterstützen kann langfristig ein gesellschaftlicher Wandel erreicht werden. Dabei sind nicht nur Institutionen gefragt, sondern jede und jeder Einzelne – im Alltag, im beruflichen Umfeld und im direkten sozialen Umfeld.
Uwe Guntern
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