Jugend forscht
Jarl Braun aus Oberwil enthält für seine Maturaarbeit Gold
Im Frühling häufen sich die Meldungen über vermeintlich verlassene Vogelküken. Doch was viele Tierfreunde für eine Rettung halten, ist oft ein folgenschwerer Irrtum – mit Konsequenzen für die jungen Tiere.
Kaum steigen die Temperaturen, beginnt sie wieder – die Zeit der gut gemeinten Rettungsaktionen. Spaziergänger entdecken kleine, scheinbar hilflose Vogelküken am Boden, alleine, bewegungslos, schutzlos wirkend. Der Impuls ist fast immer derselbe: helfen, retten, mitnehmen. Was wie Mitgefühl aussieht, kann jedoch genau das Gegenteil bewirken. Denn viele dieser Jungvögel sind keineswegs verlassen. Sie befinden sich vielmehr in einer entscheidenden Phase ihres Lebens – und genau dort gehören sie hin. In Auffangstationen für Wildvögel zeigt sich jedes Jahr dasselbe Bild: Kistenweise werden Jungtiere abgegeben, die eigentlich keine Hilfe gebraucht hätten. «So erstaunlich es klingen mag: Manchmal ist es gerade diese menschliche Hilfe, die ein gesundes Vogelkind zum Pflegefall werden lässt.» erklärt Esther Geisser, Präsidentin und Gründerin der Tierschutzorganisation NetAP. Was viele nicht wissen: Wenn Jungvögel das Nest verlassen, können sie oft noch nicht richtig fliegen. Statt elegant durch die Luft zu gleiten, hüpfen sie am Boden herum, flattern unbeholfen auf niedrige Äste und wirken dabei alles andere als sicher. Doch genau das ist Teil eines natürlichen Lernprozesses. Die Tiere trainieren ihre Muskulatur, üben Flugbewegungen und lernen, selbstständig Nahrung zu finden. Gleichzeitig machen sie erste Erfahrungen mit ihrer Umwelt – inklusive ihrer Gefahren. Während dieser Zeit sind die Eltern meist in der Nähe. Sie beobachten ihren Nachwuchs, versorgen ihn weiterhin mit Futter und greifen ein, wenn es nötig ist. Auch wenn kein Altvogel zu sehen ist: Oft sind sie nur kurz auf Nahrungssuche. Ein still dasitzendes Küken ist daher kein Notfall, sondern ein Zeichen dafür, dass alles seinen gewohnten Gang geht.
Es gibt jedoch Situationen, in denen Hilfe angebracht ist. Verletzte Tiere etwa sind immer auf Unterstützung angewiesen. Auch sehr junge Küken, die noch nicht vollständig befiedert sind, sollten – wenn möglich – zurück ins Nest gesetzt werden. Anders ist die Lage bei bestimmten Vogelarten: Segler etwa können vom Boden aus nicht starten. Wird ein solcher Vogel am Boden gefunden, ist er immer auf Hilfe angewiesen. Doch auch hier gilt: Gut gemeinte Improvisation kann gefährlich werden. Immer wieder kommt es vor, dass Finder versuchen, den Vogel einfach in die Luft zu werfen, um ihm «Starthilfe» zu geben. Ein fataler Fehler. Ein verletzter Vogel kann dabei schwerere Schäden erleiden – aus einem behandelbaren Bruch wird schnell eine tödliche Verletzung. Nur Fachpersonen können beurteilen, ob und wie stark ein Tier verletzt ist. Ein Anruf bei einer entsprechenden Stelle ist daher oft der sinnvollste erste Schritt.
Wer ein scheinbar verlassenes Jungtier findet, sollte zunächst Ruhe bewahren. Fachleute empfehlen, das Tier aus sicherer Distanz ein bis zwei Stunden zu beobachten. In den meisten Fällen kehren die Eltern zurück. Nur wenn tatsächlich keine Altvögel auftauchen oder unmittelbare Gefahr droht – etwa durch Strassenverkehr oder Katzen – ist ein Eingreifen sinnvoll. Dann genügt es meist, das Tier ein paar Meter weiter in Sicherheit zu bringen: in ein Gebüsch, auf einen Ast oder in eine Hecke. Wichtig ist, den Fundort nicht zu weit zu verlassen. Ein weit verbreiteter Irrtum hält sich dabei hartnäckig: Viele Menschen befürchten, dass Vogeleltern ihre Jungen verstossen, wenn diese vom Menschen berührt wurden. Das ist falsch. Vögel verfügen nicht über einen ausgeprägten Geruchssinn wie viele Säugetiere. Sie nehmen ihre Jungen auch nach menschlichem Kontakt problemlos wieder an. Wenn ein Vogel tatsächlich Hilfe benötigt, sollte er in professionelle Hände übergeben werden. Die Aufzucht und Pflege von Wildvögeln ist anspruchsvoll – und in der Schweiz zudem gesetzlich geregelt. Privatpersonen dürfen Wildvögel nicht einfach zuhause versorgen. «Es ist gegen das Gesetz, sie zuhause zu versorgen », erklärt Juristin Geisser. Wer ein verletztes Tier findet, kann jedoch Erste Hilfe leisten: Das Tier sollte vorsichtig in eine kleine Schachtel mit Luftlöchern gesetzt werden, ausgepolstert mit Haushaltpapier. Wärme ist entscheidend – eine daruntergelegte Wärmflasche kann helfen. Anschliessend sollte das Tier so schnell wie möglich zu einem Tierarzt oder in eine spezialisierte Auffangstation gebracht werden. Wichtig ist dabei vor allem eines: keine Experimente. «Auf gar keinen Fall darf man Vögeln – ob jung oder erwachsen – Wasser oder Futter einflössen. Das kann sehr schnell tödlich enden!» warnt Esther Geisser.
Neben menschlichen Fehlentscheidungen zählt auch ein anderer Faktor zu den grössten Gefahren für Jungvögel: Hauskatzen. Gerade in der sensiblen Phase des Flüggewerdens sind die unerfahrenen Tiere leichte Beute. Tierfreunde können hier mit einfachen Mitteln helfen. Wer weiss, dass sich Jungvögel im Garten befinden, sollte seine Katze für einige Tage im Haus behalten. Ein kurzer «Hausarrest» kann für viele Vogelkinder den Unterschied zwischen Leben und Tod bedeuten Der Impuls zu helfen ist menschlich – und grundsätzlich richtig. Doch im Umgang mit Wildtieren ist weniger oft mehr. Nicht jede scheinbare Notlage ist tatsächlich eine. Die wichtigste Lektion lautet deshalb: genau hinschauen, abwarten, im Zweifel Fachleute kontaktieren. Denn manchmal besteht die grösste Hilfe darin, nicht einzugreifen.
Uwe Guntern
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