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Cham wird vier Wochen zur offenen Bewegungsarena
Zwei Weissstörche beim Balzverhalten: Mit lautem Schnabelklappern stärken die Tiere ihre Paarbindung. Foto: AdobeStock
Wer in der letzten Zeit durch die Wiesen rund um Hünenberg oder Cham spaziert, braucht etwas Glück und einen Blick nach oben oder in die Weite. Denn auf Masten, Kaminen, Dächern oder Wiesen klappern sie wieder: die Weissstörche. Lange galt der Vogel in der Schweiz als verschwunden.
Wer im Frühling aber auch im Sommer durch die Felder rund um Hünenberg und Cham fährt, entdeckt sie manchmal schon von weitem. Hoch oben auf einem Mast ragt ein gewaltiges Nest in den Himmel, daneben steht regungslos ein Weissstorch. Nur das typische Klappern des Schnabels verrät, dass Leben im Horst steckt. Was heute beinahe selbstverständlich wirkt, wäre vor wenigen Jahrzehnten noch eine kleine Sensation gewesen. Denn der Weissstorch war in der Schweiz praktisch verschwunden. Um 1900 lebten hierzulande noch rund 140 Brutpaare, doch bis 1950 starb die Population vollständig aus. Der Verlust von Feuchtgebieten, die Intensivierung der Landwirtschaft und neue Stromleitungen machten den grossen Vögeln das Leben schwer. Viele Tiere starben zudem auf ihrer langen Reise in die Winterquartiere nach Afrika. Dass der Weissstorch heute wieder in der Schweiz brütet, gilt deshalb als eine der grossen Erfolgsgeschichten des Schweizer Naturschutzes. Ausgehend von Wiederansiedlungsprojekten in den 1950- er-Jahren entwickelte sich die Population langsam wieder. Heute zählt die Schweiz erneut mehrere hundert Brutpaare und einige davon leben auch im Kanton Zug. Denn hier im Kanton wächst der Bestand ebenfalls weiter.
Besonders auffällig ist die Entwicklung in Hünenberg. Dort wurden zuletzt 14 Horstpaare registriert. Insgesamt konnten 27 Jungvögel gezählt werden. Auch in Cham und rund um Hagendorn bestehen mehrere Horste. Damit gehört der Kanton Zug zwar nicht zu den grossen Storchenregionen der Schweiz, doch die Tiere sind längst wieder Teil des regionalen Landschaftsbildes geworden. Für viele Menschen ist der Weissstorch weit mehr als nur ein Vogel. Der sogenannte «Adebar» gilt seit Jahrhunderten als Glücksbringer und ist fest in Geschichten und Traditionen verankert. Sein charakteristisches Klappern, die langen roten Beine und die eindrückliche Spannweite machen ihn unverwechselbar. Gerade deshalb fällt seine Rückkehr besonders auf. Während andere Vogelarten oft unbemerkt verschwinden oder zurückkehren, wird der Weissstorch sofort wahrgenommen. Kaum ein anderer Vogel steht so stark für Natur, Frühling aber auch Sommer und ländliche Idylle, wie der Weissstorch. Die Rückkehr des Vogels hat auch praktische Gründe. Denn Weissstörche profitieren heute von verschiedenen Schutzmassnahmen. So werden einerseits ihre Horste durch Freiwillige betreut, ihre Brutplätze kontrolliert und die Jungvögel werden beringt. Andererseits werden in vielen Regionen künstliche Nistplattformen errichtet, damit der Weissstorch einen geeigneten Horstplatz hat.
Eine spannende Veränderung, welche sich über längere Zeit schon beobachten lässt, ist die des Zugverhaltens. Während Weissstörche früher fast ausschliesslich nach Afrika zogen, bleiben heute immer mehr Tiere in Europa. Manche von ihnen bleiben sogar in der Schweiz. Der Grund dafür sind die milderen Winter und besseren Nahrungsbedingungen. Fachleute beobachten schon seit längerem, dass sich der Vogelzug verändert. Hier gehören auch die Weissstörche dazu, welche ihre Winter zu nehmend in Spanien oder Portugal verbringen , wo sie auf offenen Mülldeponien Nahrung finden. Diese Entwicklung erhöht die Überlebenschancen vieler Tiere. Der lange Flug nach Afrika war stets gefährlich: Stromleitungen, Abschüsse und Erschöpfung kosteten jedes Jahr zahlreiche Tiere das Leben. Wer nicht mehr ziehen muss, lebt oft sicherer. Der Klimawandel bringt für die Störche allerdings nicht nur Vorteile. Auch längere Trockenperioden und die zunehmende Überbauung der Landschaft verändern ihren Lebensraum. Weissstörche benötigen offene Wiesen und feuchte Böden, in denen sie Nahrung finden können. Gerade solche Flächen verschwinden jedoch zunehmend. Dazu gesellen sich neue Probleme im direkten Zusammenleben mit dem Menschen. Während Storchenhorste früher als besondere Attraktion galten, reagieren heute nicht alle begeistert auf die grossen Vögel. Äste auf Hausdächern, Lärm oder Verschmutzungen sorgen mancherorts für Diskussionen. Naturschutzorganisationen versuchen deshalb zu vermitteln. Mit Informationsarbeit, Schulprojekten oder Webcams sollen die Menschen für die Bedürfnisse der Tiere sensibilisiert werden. Gleichzeitig wird versucht, geeignete Brutplätze zu schaffen, damit Konflikte möglichst vermieden werden können.
Trotz des erfreulichen Bestandsanstiegs bleibt der Weissstorch in der Schweiz weiterhin eine empfindliche Art. Fachleute weisen darauf hin, dass stabile Populationen nur dann langfristig gesichert werden können, wenn genügend Nahrung und geeignete Lebensräume vorhanden sind. Noch ist unklar, wie sich die Storchenpopulation in den kommenden Jahrzehnten entwickeln wird. Die vergangenen hundert Jahre haben gezeigt, wie schnell sich die Situation verändern kann – sowohl positiv als auch negativ. Im Kanton Zug ist die Rückkehr des Weissstorchs derzeit vor allem ein seltenes Beispiel für eine erfolgreiche Entwicklung in der Natur. Wo einst kein einziges Tier mehr brütete, ziehen heute wieder Jungvögel ihre Kreise über den Wiesen. Vielleicht liegt genau darin die besondere Wirkung des Weissstorchs: Er erinnert daran, dass verlorene Arten zurückkehren können, wenn Mensch und Natur zusammenfinden.
Dass sich der Weissstorch in der Schweiz wieder so stark ausbreiten konnte, ist nicht nur der Natur zu verdanken. Hinter vielen Horsten stehen Menschen, die sich seit Jahren freiwillig für die Tiere engagieren. Sie kontrollieren Brutplätze, reinigen Nester, montieren Plattformen oder beringen Jungvögel. Gerade während der Brutzeit braucht es vielerorts regelmässige Beobachtungen, damit die Entwicklung der Population dokumentiert werden kann. Auch im Kanton Zug werden Storchenhorste beobachtet und betreut. Denn die Tiere brüten längst nicht mehr nur an bekannten Standorten. Immer wieder entstehen neue Horste auf Dächern, Masten oder Scheunen. Damit wächst auch der Aufwand für die Betreuung. Hinzu kommt: Weissstörche bringen Menschen zusammen. Sobald ein Storchenpaar irgendwo ein Nest baut, bleiben Spaziergänger stehen, Kinder beobachten die Tiere mit Feldstechern und in vielen Gemeinden werden die Vögel schnell zum Gesprächsthema. Besonders während der Aufzucht der Jungvögel verfolgen viele Anwohner aufmerksam, ob die Brut gelingt. Gerade diese Nähe zum Menschen macht den Weissstorch besonders. Während viele Wildtiere versteckt leben, baut der Storch sein Nest oft mitten in Siedlungen – gut sichtbar für alle. Seine Rückkehr wird dadurch nicht nur zu einer biologischen Erfolgsgeschichte, sondern auch zu einem Stück gelebter Alltagsnatur.
Michael Schwegler
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