Baar
10.01.2022

«Die vielen Freiwilligen sind unsere Chance»

Die Baarerin Ursula Müller-Wild steht seit Anfang des Jahres an der Spitze 
der Reformierten Kirche Kanton Zug.Bild: Franz Lustenberger

Die Baarerin Ursula Müller-Wild steht seit Anfang des Jahres an der Spitze

Die Baarerin Ursula Müller-Wild ist neu Präsidentin der Reformierten Kirche Kanton Zug. Die Anliegen und Bedürfnisse der Menschen stehen im Zentrum ihrer Arbeit.

Von: Franz Lustenberger

Ursula Müller-Wild, Sie haben vor wenigen Tagen Ihre neue Aufgabe angetreten. Wie ist der Start verlaufen?

Es ist gleich richtig losgegangen. Bereits am zweiten Arbeitstag begab sich der Kirchenrat in eine Retraite. Wir haben die Aufgaben unter uns verteilt und vor allem die aktuellen Legislaturziele ausgewertet – was haben wir erreicht, was nicht?

Legislaturziele, das tönt sehr strukturiert. Worum geht es konkret?

Unsere Aufgabe als Reformierte Kirche ist es, Zeit zu schenken. Ich verweise auf den grossen Theologen Karl Barth. Zeit zu haben füreinander sei in Wirklichkeit der Inbegriff aller Wohltaten, die ein Mensch dem anderen erweisen könne. Diese Aufgabe, den Menschen Zeit zu schenken, kann auch nicht innerhalb einer Legislatur erreicht werden. Sie ist eine Daueraufgabe der Kirche. Die konkrete Umsetzung im Alltag wird eine der Herausforderungen in der nächsten Zeit sein.

Die Katholische wie die Reformierte Kirche sind mit dem Problem von Kirchenaustritten und zunehmender Kirchenferne konfrontiert. Wie wollen Sie diesen Problemen begegnen?

Zuerst zum Thema Austritte. Wir hatten Austritte wegen der Corona-Pandemie. Es gab Menschen, die ausgetreten sind, weil wir als Kirche die Massnahmen der Behörden mitgetragen haben. Das Misstrauen gegenüber Behörden und Institutionen ist ein gesamtgesellschaftliches Phänomen. Dieses Themas werde ich mich in meiner Amtszeit besonders annehmen.

Und wie steht es mit der Kirchenferne vieler Menschen?

Es mag auf den ersten Blick erstaunen, aber die Motion zur Freiwilligkeit der Kirchensteuern für juristische Personen hat beiden Konfessionen geholfen: Wir konnten aufzeigen, was die Kirchen alles im sozialen, kulturellen und gesellschaftlichen Bereich leisten, für alle Menschen im Kanton. Kirche – das ist viel mehr als der Sonntagsgottesdienst.

Die Motion hat die beiden Kirchen einander näher­gebracht. Wie sehen Sie diese Zusammenarbeit in Zukunft?

Ich möchte die ökumenische Zusammenarbeit weiter fördern – auf der Ebene der Gremien, aber auch auf der Ebene der Seelsorge vor Ort. Vieles funktioniert bestens; ich denke etwa an die Spitalseelsorge, an die Seelsorge für Menschen mit Behinderungen, an die Fachstelle Kirche und Wirtschaft der Katholischen Kirche, die neu von einem reformierten Kirchenrat geleitet wird. Es gibt aber sicher noch mehr Möglichkeiten. Denn die Menschen sind heutzutage wählerischer; sie suchen sich das passende Angebot aus.

Ich komme noch einmal auf Corona zurück. Die Pandemie hat in der Wirtschaft in Bezug auf die Digitalisierung einen Schub ausgelöst. Wie steht die Reformierte Kirche da?

Wir – und damit meine ich alle unsere Mitarbeitenden an der Basis – haben unsere digitalen Angebote massiv ausgebaut. Vieles davon wird auch nach der Pandemie bleiben. Noch einen zweiten «positiven» Punkt möchte ich hervorheben. Spontan haben sich Menschen vor Ort neu als Freiwillige gemeldet, um beispielsweise einsame Personen zu betreuen oder Dienstleistungen wie Einkäufe zu übernehmen. Diese Solidarität stimmt mich zuversichtlich; Freiwillige sind unsere Chance. Ganz im Sinne der Worte von Karl Barth: Freiwillige schenken Zeit und machen Kirche-Sein konkret.

Zuletzt eine persönliche Frage: Mit der Konfirmation wählen sich die jungen Menschen einen Spruch aus. Wie lautet der Ihrige?

«Schaffe mir, Gott, ein reines Herz und gib mir einen neuen, gewissen Geist.» Diesen Spruch habe ich damals bewusst aus­gewählt und er begleitet mich bis heute. Ich möchte mit einem offenen Herzen und einem ­offenen Geist in diesem Amt als Kirchenpräsidentin unterwegs sein.