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06.12.2021

Aktionäre machen Druck auf Nachhaltigkeit

Die Idylle am Hauptsitz von Glencore hängt zunehmend auch vom Niveau der Idylle an ihren internationalen Standorten ab. Bild: Daniel Frischherz

Die Idylle am Hauptsitz von Glencore hängt zunehmend auch vom Niveau der Idylle an ihren internationalen Standorten ab. Bild: Daniel Frischherz

Glencore, Sika, Forbo – drei international tätige Baarer Unternehmen machen deutlich, dass sie sich dem Ziel der CO2-Neutralität aktiv stellen müssen.

Von: Claudia Schneider

Am Donnerstag hat Glencore den «Climate Change Report 2021» veröffentlicht. Darin legt der Rohstoffgigant dar, wie er schrittweise bis 2050 CO2-neu­tral werden will. Der neue CEO, Gary Nagle, schreibt im Vorwort, er sei seit Jahren ins Thema Klimawandel involviert – eben neu geschaffen hat der Rohstoffgigant eine «Climate Change Taskforce» (CCT).

Umstritten ist vor allem die Zukunft des Kohlegeschäfts

Gary Nagel will das Unternehmen auf die Produktion von Metallen für die Energiewende ausrichten. Er hält vorab aber am Kohlegeschäft weiter fest, was ihm Kritik einbringt. So fordert etwa der aktivistische Hedge-Fund Bluebell Capital Partners die Abspaltung des Kohlegeschäfts, wie die NZZ zitiert, weil es «moralisch inakzeptabel und finanziell makelbehaftet» sei. Dies schade der Börsenbewertung des Unternehmens. Der norwegische Staatsfonds Norges hat seine Anteile an Glencore aufgrund des Kohlegeschäfts bereits verkauft.

Nagel gibt zu verstehen, dass er dem Wunsch der Aktionäre allenfalls nachkommen würde, betont aber auch, dass dann andere, die möglicherweise kein Ausstiegsszenario aus dem Kohlegeschäft entwickeln, diesen Geschäftsbereich übernehmen und ihn gar ausbauen würden. Im Interview mit der «Zuger Zeitung» vom 25. September sagte der CEO: «Wir sind das einzige Bergbauunternehmen weltweit, welches Netto-­null-Gesamtemissionen anstrebt.»

Aktionäre nehmen zunehmend Einfluss auf Klimamassnahmen

Solche Töne von Glencore mögen überraschen. Doch es ist nicht das einzige internationale Grossunternehmen in Baar, das die CO2-Ziele vermehrt auf der Agenda hat. Die Baarer Sika beispielsweise machte im Oktober publik, dass sie mit dem Projekt «reCO2ver» das Recycling von Beton – das ist ein übler CO2-Produzent in der Baubranche – revolutionieren will.

Die Motivation dafür sind weniger ökologischer als ökonomischer Natur, weil auch in der Schweiz der Druck der Investoren steigt, nachhaltig zu wirtschaften. So schreibt etwa die Baarer Forbo auf ihrer Homepage: «Unser Ziel ist es, einen langfristigen Mehrwert für unsere Stakeholder zu schaffen. Um dieses Ziel zu erreichen ist Compliance von zentraler Bedeutung.» Compliance steht für die Pflicht des Vorstandes, der Einhaltung rechtlich oder auch freiwillig bindender Bestimmungen im Unternehmen Sorge zu tragen. Zwar gibt es durch die Ablehnung der Konzerninitiative in der Schweiz bezüglich Nachhaltigkeit wenig bindende Vorschriften – in der EU hingegen schon. Hierzulande gewinnt der Schweizer Verein für verantwortungsbewusste Kapitalanlagen (SVVK) zunehmend Bedeutung. Mitglieder sind bisher vor allem schweizweit bedeutende Pensionskassen. Die Banken nehmen zur Kenntnis, dass Investoren beispielsweise Unternehmen vermehrt meiden, die auf fossile Brennstoffe setzen. Und sie passen ihre Produktepalette entsprechend an. Insofern ist eine Dynamik ins Rollen gekommen, die aufgrund marktwirtschaftlicher Überlegungen neue Anreize schafft, unter anderem die Klimathematik ernst zu nehmen. Unternehmen wie Nestlé oder Holcom, die eher träge auf den Trend reagieren, werden an der Börse dafür abgestraft.

Auch die Antwort des Aktienmarkts auf den Kohlekurs von Glencore lautete kurzfristig: 5 Prozent minus. Einen negativen Einfluss auf den Aktienkurs von Glencore haben ausserdem die Untersuchungen zu Korruptionsvorwürfen in Kongo-Kinshasa, Nigeria und Venezuela. Wenn Giganten wie Glencore aufgrund des Aktienmarkts motiviert werden, ihre Geschäftsgebaren zu revidieren, profitieren für einmal nicht nur die Anteilhaber.

Die Lage im Kanton

Wenn es um Nachhaltigkeit und Reduktion des CO2-Ausstosses geht, sind grosse internationale Firmen teilweise schon recht gut aufgestellt. Zuger Firmen wie die WWZ mit dem Fernwärmenetz Circulago, die Zugerlandverkehrsbetriebe mit Elektrobussen oder auch die Risi-Immobilien, die nach Aussage von Andreas Umbach, Präsident der Zuger Wirtschaftskammer, «auf dem Dach eine Fotovoltaikanlage so gross wie ein Fussballfeld haben», seien Trendsetter im Kanton. «Bei den KMU wächst das Bewusstsein, dass sie als Zulieferer der Grossen auch gefordert sind», sagt Umbach. Vor allem in den Bereichen Energieeffizienz an alten Gebäuden, Elektromobilität und Fotovoltaik auf Dächern gebe es im Kanton ein grosses Potenzial. Eine von der Zuger Wirtschaftskammer in Auftrag gegebene Studie mit dem Namen «Green Check Zug» zeige, dass die Wirtschaft die Hälfte der Emissionen des Kantons verantwortet. Das Thema sei für die Wirtschaft also hochrelevant und werde zu einem Standortfaktor. So wie es Coronaskeptiker gibt, gebe es auch Klimaskeptiker. Diese müssten mit Fakten überzeugt werden, in Nachhaltigkeit zu investieren. Teil der Kampagne der Wirtschaftskammer ist auch die verstärkte Zusammenarbeit mit den Behörden. Denn der CO2-Ausstoss könne nur in einem gemeinsamen Effort reduziert werden. fh