Kanton
09.05.2022

«Gesellschaftliche Auswirkungen waren heftig»

«Wir haben in der Pandemie gelernt, mit grossen Herausforderungen umzugehen», sagt Bildungsdirektor Stephan Schleiss (SVP).Bild: Florian Hofer

«Wir haben in der Pandemie gelernt, mit grossen Herausforderungen umzugehen», sagt Bildungsdirektor Stephan Schleiss (SVP).Bild: Florian Hofer

Im Oktober sind Regierungsratswahlen. Stephan Schleiss aus Steinhausen steht seit 2011 der Zuger Bildungsdirektion vor. Was sind seine wichtig­sten Themen?

Von: Florian Hofer

Erst war Corona, nun kommen mit den Flüchtlingskindern aus der Ukraine die nächsten Herausforderungen auf die Bildungseinrichtungen im Kanton Zug zu.

Stephan Schleiss: Allerdings. Corona war für alle Beteiligten schon eine ganz grosse Geschichte. Vor allem zu Beginn, als ab dem 16. März 2020 alle Schulen geschlossen bleiben mussten. Die gesellschaftlichen Auswirkungen waren schon sehr heftig.

Was kann man im Nachhinein sagen? Was hat das für die Kinder und Jugendlichen bedeutet?

Die haben aus meiner Sicht am stärksten gelitten. Nicht alle sicherlich, aber es ist schon zu gewissen Defiziten gekommen im schulischen ­Bereich. Auch bei den sozialen Kontakten war das für viele ­sicherlich schwierig.

Und für das Lehrpersonal?

Die mussten springen. Sie mussten ja innerhalb eines ­Tages ihren Präsenz- auf Fernunterricht umstellen. Alles, was bisher gut organisiert war, musste neu erfunden werden. Die Lehrerschaft hat das alles mit einem unglaublichen Effort zum Laufen gebracht.

Die Eltern?

Am Anfang gab es schon ­Befürchtungen, dass es zu Spannungen kommen könnte je nach familiärer Situation. Doch diese Befürchtungen haben sich Gott sei Dank nicht bewahrheitet.

In späteren Phasen der Pandemie kam es dann nicht mehr zu Schulschliessungen.

Wir wollten das um jeden Preis vermeiden. Wir haben auch erfahren, dass die Schule und der Präsenzunterricht im Nachhinein eine grosse Wertschätzung erfahren haben.

Und jetzt ist eine neue Herausforderung da mit dem Krieg in der Ukraine.

Die Krise nach der Krise: Wir haben in der Pandemie gelernt, mit grossen Herausforderungen umzugehen. Wir haben schon jetzt das Gefühl, dass wir die Problematik erfasst haben und nun arbeiten können. Im Grundsatz ändert sich jetzt nicht so viel wie in der Coronazeit.

Wie viele Schülerinnen und Schüler aus der Ukraine haben wir aktuell hier im Kanton?

143 im schulpflichtigen Alter. Sie sind verteilt auf alle Gemeinden, zum Teil sehr ungleich. In Menzingen hat der Kanton eine grosse Unterkunft, in Cham und Zug gibt es viele private Unterkünfte. Die Schüler und Schülerinnen der Sekundarstufe II gehen in Menzingen in die Schule. Dann haben wir noch aktuell 10 Personen im Alter von 16 bis 18 Jahren, die an der Kan­tonsschule in Menzingen am Einstiegsprogramm Deutsch teilnehmen. Wir haben mit doppelt so vielen gerechnet.

Sie sagen, die Problematik ist erkannt, aber das ist doch trotzdem eine rechte Herausforderung?

Wenn man aus der CovidKrise einen positiven Schluss ziehen möchte, dann kann man sagen, dass wir das Vertrauen geschöpft haben, dass wir auch eine grosse Herausforderung meistern können. Es ist einfach gigantisch, wie Baar jetzt Menzingen hilft. Das Vertrauen und das Selbstvertrauen aus der Covid-Zeit kann man nun abrufen. Das ist vielleicht auch die Brücke zwischen Covid und Ukraine.

In der Bildungsdirektion sind einige Ämter untergebracht. Zum Beispiel das Amt für Mittelschulen samt Pädagogischer Hochschule.

Es umfasst die Kantonsschule Zug (KSZ), die Kantonsschule Menzingen (KSM), die Fachmittelschule Zug (FMS) sowie die Wirtschaftsmittelschule Zug (WMS). Es übt die Aufsicht aus über die Pädagogische Hochschule Zug (PH Zug) und koordiniert die Aufgaben zwischen der Hochschule und der kantonalen Verwaltung. Es ist auch zuständig für die Aufsicht der Maturitätsprüfungen an den anerkannten gymnasialen Privatschulen. Es beinhaltet 266 Stellen, fast alles ist Personal an den Schulen, im Amt sind 2,65 Stellen, an der PH kommen noch 89 Stellen dazu. Eine wichtige Weiterentwicklung wird der Bau der Kantonsschule in Rotkreuz sein. Der Bezug sollte 2030 sein, drei bis vier Jahre vorher sollte ein Provisorium in Betrieb gehen.

Ein bildungspolitischer Knackpunkt ist die Zahl der Übertritte ins Langzeitgymnasium. Diese Quote lag einmal bei 17 Prozent. Aber sie steigt kontinuierlich.

Inzwischen liegt sie bei 25 Prozent – Tendenz steigend. Das Problem ist noch nicht gelöst. Der Kanton und mit ihm die Kantonsschulen können ja nicht selbst entscheiden, wie viele Schüler und Schülerinnen ins Langzeitgymnasium geschickt werden. Das machen die jeweiligen Primarschulen. Im Kantonsrat ist zu diesem Thema eine Motion hängig.

Sie haben auch ein Amt für die Volksschulen, die ja eigentlich in der Autonomie der Gemeinden liegen.

Diese Autonomie ist auch deutlich höher als beispielsweise in den Nachbarkantonen Schwyz oder Luzern. In Zug legen der Kanton und die Gemeinden die Bildungsstrategie gemeinsam fest. Bei nur elf Gemeinden können wir jederzeit die Leute an einen Tisch holen. Ein Effekt dabei: in der Krise die Köpfe kennen. Ein wichtiges aktuelles Thema ist der Ausbau der Schulergänzenden Betreuung SEB. In allen Gemeinden wollen wir von 7 bis 18 Uhr Plätze anbieten, teilweise auch in den Ferien, ohne Wartelisten und ohne Verpflichtung. Der Besuch der Module ist freiwillig Wer sie nicht bucht, darf keine schulischen Nachteile erleiden. Bei den Räumlichkeiten wird es einen Flaschenhals geben. Deshalb sind Übergangsfristen vorgesehen. Ich glaube, diese Gesetzesänderung wird im Kantonsrat eine Mehrheit finden.

Was macht das Amt für Kultur?

Da gibt es einen ganzen Strauss von Themen. Die Stichworte sind Kulturförderung, Kulturlastenausgleich und auch der Ankauf von Kunst. Dabei werden jährlich 90 000 Franken aufgewendet. Etwa 2,6 Millionen Franken gehen in den Kulturförderungsanteil. Das sind Beitragsgesuche etwa für Bücher oder Projekte. Noch einmal 2,6 Millionen Franken gehen an die Kantone Luzern und Zürich für dortige Kultureinrichtungen, die ja auch von Zugerinnen und Zugern besucht werden.

Das BIZ Berufsinformationszentrum macht Berufsberatung?

Das ist eine Dienstleistungsfabrik. Wichtig zu wissen: Mehr als die Hälfte sind Beratungen für Personen, die älter sind als 20 Jahre. Es geht dabei um ­Weiterbildungen, Laufbahnberatungen oder Umschulungen.

Derzeit läuft eine Revision der Anstellungsbedingungen. Warum?

Es geht um die Gleichstellung der Kindergartenlehr­personen mit den Primarlehrpersonen. Sie sollen bei der Besoldung gleichgestellt werden. Auch im Zusammenhang mit Corona soll die Wertschätzung für das Personal mit Worten und Taten hinterlegt werden.

Zur Person

Stephan Schleiss hat Jahrgang 1972. Er wohnt seit seiner Geburt in Steinhausen, ist Bürger von Engelberg OW, ledig und hat keine Kinder. Der SVP-Politiker ist seit 2011 Vorsteher der ­Direktion für Bildung und Kultur, er war Landammann für die Jahre 2019 und 2020. Zuvor war er seit 2004 ­Kantonsrat. Seine Hobbys: Lesen, Velo, Kino, Geselligkeit, Jagd. fh